„Glaube deiner Wahrnehmung“ – das lässt sich leicht sagen. Und doch braucht es oft sehr viel Mut.
Was wir spüren und erfassen, ist etwas
zutiefst Persönliches. Es ist individuell, manchmal fein und schwer erklärbar,
und es kann sich deutlich von dem unterscheiden, was andere Menschen erleben.
Trotzdem besitzt es auf seine eigene Weise Wahrheit.
Als Kind fiel es mir schwer, über das zu
sprechen, was ich empfand und bemerkte. Vieles nahm ich intensiver wahr als
andere Menschen. Ich spürte Gefühle, bemerkte Farben und feine Veränderungen,
die für mich selbstverständlich waren, für andere aber oft nicht
nachvollziehbar. Wenn ich davon erzählte, wurde ich nicht immer verstanden.
Dass meine Sinne stärker geschärft waren als
bei vielen anderen, wurde mir erst im Alter von etwa zwölf bis vierzehn Jahren
bewusst. Davor dachte ich lange einfach, ich sei irgendwie komisch.
Mit der Zeit lernte ich, nicht alles
auszusprechen, was sich mir zeigte. Dieses Lernen war wichtig. Es schützte
andere, aber auch mich selbst. Ich musste lernen, nicht jeden Eindruck sofort
weiterzugeben und nicht alles preiszugeben. Lange Zeit galt ich als frech, weil
ich oft einfach erzählte, was ich gerade bei einem Menschen gespürt oder
erkannt hatte.
Heute sehe ich klarer, dass ein innerer
Eindruck zunächst einfach da sein darf. Er muss nicht sofort bewertet werden.
Wenn wir darüber sprechen, teilen wir mit, wie wir die Welt, uns selbst und
andere erleben.
Unser Erleben darf subjektiv sein. Es muss
nicht für alle Menschen gleich sein und auch nicht beweisen, dass es
allgemeingültig ist. Entscheidend ist für mich vielmehr, wie wir damit umgehen.
Mit den Jahren habe ich gelernt, meinen Sinnen
und meinem inneren Empfinden zu vertrauen und gleichzeitig sorgfältig damit
umzugehen.
Heute sind für mich drei Punkte besonders
wichtig, wenn ich eine tiefere oder spirituelle Information höre oder selbst
weitergebe.
1. Die Information soll stimmig sein.
Auch wenn etwas ungewöhnlich klingt oder für
einen Menschen ohne spirituellen Zugang schwer nachvollziehbar ist, sollte es
in sich schlüssig sein.
Es braucht eine innere Logik, einen
Zusammenhang, eine Gedankenfolge, der man folgen kann. Für mich ist diese
Stimmigkeit ein wichtiges Zeichen dafür, dass ein Eindruck nicht einfach
beliebig ist.
2. Die Information soll nicht werten.
Wertung führt schnell zu Urteil und Trennung.
Für mich trägt das Wort „Urteilen“ auch das
Bild des Teilens in sich – des Trennens und Auseinanderhaltens. Die Welt der
Gegensätze ist eine duale Welt. Das Beseelte und tief Wahre empfinde ich jedoch
als etwas, das letztlich in die Einheit gehört.
Darum möchte ich das, was ich spüre oder
erkenne, nicht benutzen, um Menschen einzuordnen, abzuwerten oder zu
verurteilen.
Für mich bedeutet wahrnehmen zunächst: sehen,
spüren und erkennen.
Erst danach kommt die Verantwortung, wie ich
mit dem Erkannten umgehe.
3. Die Information soll dem Menschen
guttun.
Eine tiefere Einsicht soll keine Angst
erzeugen, nicht drohen, erniedrigen oder verletzen.
Sie soll liebevoll und verständnisvoll
vermittelt werden und etwas enthalten, das dem Menschen Bedeutung gibt und ihn
weiterbringen kann.
Liebevoll bedeutet dabei für mich nicht, alles
schönzureden. Auch etwas Klares oder Unangenehmes darf ausgesprochen werden.
Entscheidend ist, ob es dem Menschen dient oder ihn lediglich verletzt.
So habe ich gelernt, dass nicht alles, was ich
erkenne, ausgesprochen werden muss und nicht jede Wahrheit in jedem Moment
hilfreich ist.
Diese Sensibilität braucht deshalb nicht nur
Offenheit, sondern auch Verantwortung.
Für mich besteht diese Verantwortung heute aus
drei einfachen Maßstäben:
Ist es stimmig?
Ist es frei von Wertung?
Und ist es liebevoll und hilfreich?
Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, entsteht
für mich eine Form des Erkennens, der ich vertrauen kann.
Glaube deiner Wahrnehmung bedeutet deshalb für
mich nicht, jedem inneren Eindruck blind zu folgen.
Es bedeutet, aufmerksam zu spüren, dem eigenen
Erleben Vertrauen zu schenken und zugleich achtsam damit umzugehen.
Zu unterscheiden, was zu mir gehört.
Zu erkennen, was ausgesprochen werden möchte.
Und zu wissen, wann Schweigen ebenso wertvoll
sein kann wie Sprechen.
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